Die Schulmedizin und die Homöopathie —
zwei Denkrichtungen, zwei Heilmethoden.

Warum die beiden sich dennoch gut vertragen und oft sogar ergänzen,
erklärt Kinderarzt Dr. Thomas Koch im Interview

Dr. Thomas Koch ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Homöopathie und Naturheilverfahren (Diplom DZVhÄ), klinische Hypnose und Hypnotherapie (DGH). In einer Praxis in Mainz behandelt er Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene.

Sie verbinden zwei Welten:die Schulmedizin und die Homöopathie. Wie gut passen die beiden zueinander?

Dr. Koch: Bestens! Die Homöopathie kann die Schulmedizin ideal ergänzen. Viele Beschwerden im Baby- und Kleinkindalter, beispielsweise fieberhafte Infekte, Erkältungen, Zahnungsbeschwerden, Schlafstörungen, Neurodermitis, Erkrankungen der Haut oder des Magen-Darm-Traktes, lassen sich durch die Kraft der Kügelchen erfolgreich behandeln.

Die Homöopathie kann aber auch die Schulmedizin begleiten, etwa um die Heilung zu fördern und Nebenwirkungen abzumildern. Das wird bereits erfolgreich in einigen Krankenhäusern praktiziert, etwa im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München, an der Charité in Berlin, am Knappschaftskrankenhaus in Essen und an der Universitätskinderklinik in Wien.

Deshalb sprechen wir bei der Homöopathie auch nicht so sehr von einer Alternativ-, sondern von einer Komplementärmedizin: Sie arbeitet Hand in Hand mit der Schulmedizin.

Wo sehen Sie die Stärken der Homöopathie?

Die Homöopathie nimmt den ganzen Menschen wahr und versucht, ihn in seiner Individualität als Einheit zu erfassen. Jeder Mensch ist einzigartig und reagiert als Patient ganz unterschiedlich. Während die Schulmedizin für jeden Patienten bei bestimmten Krankheitssymptomen das gleiche Medikament bereithält, wählt der Homöopath das Mittel, das optimal zu einem Kind und seinen Beschwerden passt.

Ähnlich wie in ein Schloss jeweils nur ein einziger Schlüssel passt, um es aufzuschließen, gibt es in der Homöopathie nur ein Arzneimittel, das der Lebenskraft eines Patienten gleicht. Wie in einem Puzzle setze ich Teil für Teil mein Wissen, meine Beobachtungen der Symptome und meine Erfahrung zusammen. Am Ende steht dann ein individuelles homöopathisches Arzneimittel. Beispiel Fieber: Ich wähle nach der Ähnlichkeitsregel aus einer Vielzahl von Globuli und finde so für jedes Kind das passende Mittel.

Dadurch kann ich in meiner Praxis oft auf schulmedizinische Medikamente verzichten, die stark in den Organismus des Kindes eingreifen wie Antibiotika oder Kortison. Insgesamt glaube ich, dass bei Kindern in Deutschland unter homöopathischer Behandlung die Anzahl der angewendeten schulmedizinischen Medikamente deutlich verringert werden kann.

Und wo liegen die Grenzen der Homöopathie?

An Grenzen stoßen wir dann, wenn die Selbstheilungskräfte des Kindes nicht mehr ausreichen. Die Homöopathie ist eine Reiz-RegulationsTherapie, das heißt, man setzt gezielt einen Reiz und stößt den Körper an, sich selbst zu heilen. Gelingt das nicht, muss die Schulmedizin helfen. Bei schweren Erkrankungen, manchen chronischen Krankheiten wie Diabetes, Notfällen oder schweren Verletzungen und Knochenbrüchen kommt selbstverständlich die Schulmedizin zum Einsatz.

Warum wirkt die Homöopathie gerade bei Kindern so gut?

Der Organismus von Kindern, die in der Regel gesund und vital zur Welt kommen, ist noch weitgehend unbelastet von äußeren Einflüssen wie Umweltgiften, Allergenen oder einem gesundheitsschädigenden Lebensstil. Daher reagiert ihr Körper besonders stark auf homöopathische Mittel.

Was sagen Sie Eltern, die der Homöopathie kritisch gegenüberstehen?

Die Homöopathie ist in erster Linie eine Erfahrungsmedizin, sie hilft Kindern und Erwachsenen bereits seit 200 Jahren. Ich lade Eltern ein, sich auf diese Erfahrung einzulassen. Mein Anliegen ist es, kleine Patienten rund um das Thema Gesundheit wertschätzend, individuell und intensiv zu unterstützen. Ich stelle in meiner Praxis aber auch fest, dass immer mehr Eltern offen für die Homöopathie sind, zumal deren Wirksamkeit in Studien nachgewiesen wurde und viele Menschen mit den herkömmlichen Methoden in unserem Gesundheitssystem unzufrieden sind.

Was könnte die Schulmedizin von der Homöopathie lernen?

Die Stärke der Homöopathie sehe ich vor allem darin, dass der Arzt sich für seinen kleinen Patienten viel Zeit nimmt. In meiner Praxis dauert die Erst-Anamnese, in der ich das Kind gründlich untersuche und genau kennenlerne, mindestens eine Stunde. Als Homöopath nehme ich nicht nur den Körper des Kindes, die Hauptbeschwerden, sein Lebens umfeld und die lokalen Symptome, unter denen es leidet, in den Blick, sondern auch seinen Geistes- und Gemütszustand – so, wie auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit als Zustand „körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ versteht.

Die Schulmedizin dagegen konzentriert sich noch immer stark auf das Auskurieren bestimmter körperlicher Symptome. Lange bevor der Begriff der „sprechenden Medizin“ in unserem Gesundheitswesen aufkam, in der also der Mensch wieder im Mittelpunkt steht, hat die Homöopathie das nach ihrem Entdecker Samuel Hahnemann bereits praktiziert.

Wie finden Eltern den richtigen Homöopathen?

Ich selbst verstehe mich als doppelter Facharzt und rate auch Eltern dazu, nach einem Mediziner zu suchen, der eine Facharztausbildung mit einer gründlichen homöopathischen Ausbildung verbindet. Von einer fundierten Ausbildung können Familien ausgehen, wenn der Arzt die Zusatzbezeichnung Homöopathie führt, die von den Ärztekammern vergeben wird, oder das Homöopathie-Diplom des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) hat.

 

Interview: Jutta Oster
erschienen in "Leben & erziehen 03/2018
Leben und erziehen

 

Sie können sich das Interview auch als PDF herunterladen:
Dr. Thomas Koch im Interview mit Jutta Oster - Doppelt_heilt_besser